Wie Linux-Entwickler von Netbooks und MIDs profitieren

Heute Morgen hatte ich die Gelegenheit, mit Martin Mohring ein Telefoninterview zu führen. Mohring ist seit kurzem einer der führenden technischen Köpfe der Linux Foundation und wird am kommenden Samstag auf dem Mobiledevcamp eine Techsession zum Thema Moorestown halten. Um die Neugier schon mal ein wenig anzuheizen, habe ich Mohring ein paar schlaue Fragen gestellt.

Herr Mohring, was machen Sie eigentlich den ganzen Tag?
Martin Mohring: Wir entwickeln bereits seit 1994 Embedded-Systeme, die auf Linux basieren. Damals war es das Thema Digitales Fernsehen, und zwar in Form der D-Box sowie der zugehörigen Verschlüsselung, die wir im Auftrag der Kirch Gruppe entwickelt haben. Mittlerweile nennen wir uns Moorestown und beschäftigen uns mit linux-basierten Anwendungen, speziell für den mobilen und multimedialen Einsatz. So kümmern wir uns um den openSUSE Build Service (OBS), den wir permanent verbessern. Dabei entwickelt sich OBS immer mehr in Richtung Lifecyle Management. Den praktischen Einsatz von OBS werde ich ja am Samstag auf dem Mobiledevcamp zeigen.

Wir sind aber auch nach wie vor am Thema digitales Fernsehen dran, und das natürlich auch für Embedded-Systeme von Intel, und zwar von Sodaville bis Moblin 2.1. Wir haben nämlich früh erkannt, dass sich die SoC-Komponenten (System-on-a-Chip) sehr gut für Multimedia eignen, und brachten auf einem frühen System openSUSE zum Laufen, was nicht nur Intel überrascht hat. Damit bekommt der Anwender in Zukunft eine Plattform für 3D, HDTV, Telefonie und andere schöne Dinge.

Was machen Sie bei der Linux Foundation?
Mohring: Ich bin für die Linux Foundation im operativen Bereich unterwegs. In dieser Rolle bin ich für das Engineering zuständig. Im ersten Projekt bauen wir ein Build Service für das Linux Developer Network auf, damit in Zukunft zenral verwaltete Upstream-Entwicklungen möglich sind. Hierbei geht es um den Major Sourcecode, den andere Entwickler und Distributoren verwenden.

Auf dieser Basis entstehen jedes Mal die neuen Releases mit all ihren Patches und neuen Features. Das stellt also die Hauptentwicklung des Linux-Kernels dar. Wir wollen mit einem eigenen OBS Entwicklern die Möglichkeit geben, auf einer neutralen und zentralen Basis der Foundation ihre Anwendungen zu entwickeln, zu testen und zu verteilen. Hierfür unterstützen wir derzeit rund 30 Distributionen – inklusive Moblin, versteht sich.

Wie beurteilen Sie das Thema Linux beziehungsweise Moblin auf Netbooks und MIDs?
Mohring: Dieses Thema kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Linux ist so universell wie Windows, hat aber eine breitere Hardware-Unterstützung, die Entwickler können sich freier bewegen und es steckt eine Menge Know-how drin – von Server bis Embedded. Mit Linux kann man Dinge tun, die mit anderen System nicht oder nur schwer möglich sind: Die Hardware lässt sich optimal nutzen und Anwendungen laufen universell auf allen Plattformen.

Davon profitieren heute schon die Netbooks und zu einem späteren Zeitpunkt sicherlich auch MIDs. Aber auch auf Smartphones wird Linux seine Stärken ausspielen. Hierfür sind allerdings noch vernünftige Benutzeroberflächen erforderlich. KVM bietet ja einen Erfolg versprechenden Ansatz. Dann kann man in Zukunft auf MIDs sogar Fernsehgucken und 3D-Spiele wie Quake 3 spielen.

Man muss mal eines festhalten: Wenn man heute als Software-Entwickler unter Moblin oder Linux programmiert, tut man dies zukunftsorientiert, da sich eine solche Anwendung auf jeder Atom-basierten Plattform ausführen lässt. Das ist unter dem Stichwort Lifecyle Management von großem Vorteil. Außerdem habe ich vor dem Hintergrund der vielen Millionen verkauften Netbooks eine riesige installierte Basis, die ich mit meinen Anwendungen erreichen kann. Daneben ist eine x86-basierte Plattform deutlich offener als dies bei Android oder iPhone der Fall ist. Das ist natürlich ein weiterer Vorteil für Entwickler.

Aber auch die Gerätevielfalt spricht dafür, denn damit gibt es deutlich mehr Anwender als bei den geschlossenen und sehr homogenen Geräten. Und man muss auch sehen, dass der Atom-Prozessor im Vergleich zu ARM wesentlich mehr Rechenleistung bringt. Damit werden in Zukunft noch ganz andere Apps möglich sein. Und dann wird es auch MIDs bei uns zu kaufen geben, von denen wir in Sachen Leistung und Anwendungsvielfalt einiges erwarten können.

Welche Tools brauchen Linux-Entwickler?
Mohring: Hierfür sind verschiedene Dinge notwendig. Zum einen ein Emulator, mit dem man auf einem Desktop-PC oder Notebook die Auflösung der mobilen Geräte testen kann. Hierfür ist eine virtuelle Maschine erforderlich, wie man sie beispielsweise mit VMware-Tools aufsetzen kann. Das gilt genauso für die Leistungsdaten, die exakt emuliert werden müssen. Hierfür bieten sich heruntergetaktete virtuelle Maschinen an, mit denen sich die genauen Parameter wie Frequenztakt, RAM-Größe und andere Dinge simulieren lassen. Dafür kann man aber auch die Xen oder Xen einsetzen.

Empfehlenswert sind aber auch die passenden Endgeräte, auf denen man seine Anwendung testen sollte. Denn nichts fühlt sich besser und echter an als die eigene App auf einem Netbook oder MID laufen zu lassen, für die man ja schließlich entwickelt. Dabei sollte man darauf achten, dass es sich möglichst um ein SoC-Gerät handelt.

Aber auch ein SDK ist eine hilfreiche Sache, so wie es beispielsweise bei der aktuellen Moblin-Distribution mitgeliefert wird. Mit dem Moblin SDK lassen sich Anwendungen mithilfe der vorhandenen Programmiersprachen entwickeln, aber auch die Oberfläche von Moblin lässt sich mit dem SDK abbilden. Wichtig ist außerdem ein Tool, mit dem sich eigene Snapshots auf USB-Sticks oder andere Medien zu Installationszwecken kopieren lassen. Natürlich kann man hierfür auch das bereits erwähnt OBS einsetzen, wenn man es noch ausgefeilter haben will. Damit kann man unter OBS auch mit Moblin entwickeln. Natürlich lassen sich die Standardtools wie Clutter, Gnome und andere Werkzeuge unter Moblin nutzen.

Welche Anwendungen werden wir auf Netbooks/MIDs sehen?
Mohring: Zum einen wird das Thema Medien sehr interessant sein. Leute gucken Youtube, und hierfür eignen sich Netbooks aufgrund ihres Formfaktors und der oft langen Batterielaufzeiten sehr gut. Dabei geht es auch um kombinierte Inhalte, komplette Medienbibliotheken wie Bilder, Musik und Videos. Dazu gehört beispielsweise auch das mobile digitale Fernsehen DVB-H. Es lässt sich sogar schon HDTV und Blu-ray in Hardware dekodieren.

Aber natürlich ist das Netbook- und speziell MID-Potenzial in Sachen Social Media sehr groß. Twittern, Skypen und Bloggen dank einer vernünftigen Tastatur, und das überall, übt auf viele Anwender eine immer größere Faszination aus. Interessant dabei ist die videobasierte Kommunikation, da ja nahezu alle Geräte eine eingebaute Kamera aufweisen. Aber auch die voranschreitenden Verbesserungen bei der Hardware werden neue Möglichkeiten schaffen: So ist ein Touchscreen als User Interface eine tolle Sache. Dann braucht man keine Maus mehr. Und mit Moblin 2.1 werden wir auch Gestensteuerung und Touchscreen-Bedienung auf MIDs sehen. Darauf sollten wir uns schon mal freuen.