Wenn eine mobile App zum Politikum wird [Upd]

Taugt eine mobile App zum Politikum? Im Falle von myTaxi offenbar schon

Taugt eine mobile App zum Politikum? Im Falle von myTaxi offenbar schon

Ich hätte ja nicht gedacht, dass es solche Geschichten überhaupt gibt, aber wenn man sich die Tragweite des Ganzen ansieht, ist es nicht wirklich erstaunlich. Dabei geht es doch nur um eine App. Allerdings um eine mit echtem Sprengsatz-Charakter.

Es handelt sich bei dieser Geschichte um die mobile Anwendung myTaxi, die es seit Anfang dieses Jahres gibt und die laut der Entwicklerfirma Intelligent Apps GmbH bereits eine halbe Million mal auf Mac und PC geladen wurde, um sie von dort auf iPhone oder Android-Smartphones zu kopieren. Die Idee von myTaxi ist so schlicht wie genial: Kunden und Taxifahrer haben eine App auf ihrem Smartphone installiert, der Kunde ruft per Fingertipp das nächst gelegene Taxi, das Taxi kommt, Kunde steigt ein, lässt sich von A nach B fahren, fertig. Dass das zu funktionieren scheint, davon zeugen zahlreiche Beiträge im Web und Kunden- und Taxifahrerstimmen auf mytaxi.net.

Und was hat Intelligent Apps davon (schließlich ist myTaxi kostenlos)? Nun, für jede vermittelte Fahrt zahlt der „Taxler“ 79 Cent (netto) an das Hamburger Unternehmen, Wiener Taxifahrer zahlen 99 Cent. Und wer für myTaxi in seinem Wagen Werbung macht, kann diese Preise sogar ein wenig reduzieren. That’s it.

Tja, und genau an diesen Preisen entzündet sich das Politikum rund um die Taxi-App. Denn anders als bei vergleichbaren Anwendungen wie taxi.eu umgehen die Jungs von Intelligent Apps mit myTaxi die Taxizentralen dieser Welt. Und das schmeckt denen natürlich überhaupt nicht, schließlich leben sie vom Vermitteln von Taxigästen. Und lassen sich dies fürstlich entlohnen. So fällt die Vermittlungsgebühr pro Fahrt deutlich höher aus als für eine mytaxi-Tour, und die Monatspauschalen liegen in vielen Fällen im dreistelligen Bereich. So etwas gibt es bei myTaxi nicht.

Tja, und so kam, was kommen musste. Diverse Funkzentralen – allen voran die zwei größten in Wien – wollen dem Treiben der Hamburger App-Schmiede nicht tatenlos zusehen und üben Druck aus auf Taxifahrer, die myTaxi einsetzen und damit aus ihrer Sicht das Geschäftsmodell der vermittelten Fahrgäste unterwandern. Und die Maßnahmen sind zahlreich: das reicht von Kündigungen bis hin zu Mobbing, dem sich schon einzelne Taxifahrer ausgesetzt sahen.

Doch wenn die Erfolgsgeschichte von myTaxi weiter voranschreiten sollte und mehr und mehr Taxifahrer/-unternehmer auf die Taxi-App umsteigen werden, sind Funkzentralen in Zukunft möglicherweise obsolet. Und in Zeiten von Social Media und Transparenz wäre das auch sehr wünschenswert. Denn mit myTaxi kann man nicht nur seinen Lieblingstaxisfahrer orten und bestellen, sondern zudem die Fahrer bewerten und damit für mehr Freundlichkeit bei den „Taxlern“ sorgen. Denn nur wer freundlich ist, wird dank des myTaxi-Prinzips ausreichend zu tun haben.

[Update] So kann aus einem Politikum auch eine äußerst erfolgreiche App werden: myTaxi hat auf der MobileTech Conference 2012 den Preis „Beste iOS-App“ eingeheimst. Glückwunsch!

Published by Michael Hülskötter

Ich bin Blogger, IT-Journalist, (Buch-)Autor, Videotrainer, Content Manager - und das alles in einer Person. Ich gehöre seit 1999 der schreibenden Zunft an, und es macht mir immer noch sehr viel Spaß. Lebe seit 1977 in München und habe drei wundervolle Kinder.

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