Review: Nokia Ovi Experience Lab zu München

„Experience“ kommt ja nicht von Experiment, sondern von Erfahrung, und doch ließe sich im Falle des Ovi Experience Lab das E-Wort falsch übersetzen, denn Nokia ist – nach eigenem Bekunden – letzte Woche einen neuen Weg gegangen, wie mir heute folgende E-Mail bestätigte:

Vielen Dank noch einmal für [Deine] Unterstützung beim Ovi Experience Lab in […] München. Mit beiden Events sind wir neue Wege gegangen, haben ein Experiment gewagt und können mit Stolz sagen: “Experiment gelungen” – auch dank [Deiner] Unterstützung und Moderation. Hier eine kurze und wie ich finde sehr schöne Zusammenfassung der Events.

Im Nachhinein kann ich nur sagen: Diese Zusammenfassung trifft es ziemlich gut. Natürlich kann ich nicht für Berlin sprechen, aber in München war’s eine wirklich gelungene Veranstaltung, jenseits von den üblichen Wir-sind-die Tollsten-und-das-Erzählen-wir-Euch-jetzt-mal-Events (und ich hab da in diesem Jahr einige vergleichbare Developer Days besucht und selbst veranstaltet). Und das sage ich nicht, weil ich einen kleinen Teil zum Ovi Dev Day Muc beitragen durfte.

Meine anfängliche Skepsis (schräge Location, überschaubare Teilnehmerzahl) wich relativ schnell der Erkenntnis, dass es nicht immer der angesagteste Club sein muss und zum Bersten gefüllte Räume, sondern dass es auf eine gute Diskussionskultur ankommt, die jedem seine Meinung einräumt und die einen regen Gedankenaustausch auf allen Ebenen erlaubt. Und genau das war so wohltuend anders im Zentrum Münchens (lustigerweise in einem Haus, in dem ich drei Jahre gelebt habe).

Dieses „Anders sein“ begann schon mit dem sehr lockeren und an Ehrlichkeit strotzenden Einführungsvortrags von Jens Dissmann, der den Bereich Service Sales & Marketing für Nokia Deutschland verantwortet. Nach den obligatorischen Zahlen (165 Millionen aktive, also zahlende Ovi-Nutzer, 3,2 Mio. gefahrende km dank Ovi Maps, 3.5 Mio Ovi-Download pro Tag) machte sich Jens daran, mit diversen Vorurteilen aufzuräumen, was Nokia und Ovi betrifft. So kann man beispielsweise dank Ovi sehr wohl Geld verdienen und es werden mittlerweile auch schon App-Downloads gezählt.

Darüber hinaus kommen Qt und MeeGo in großen Schritten auf uns zu, was wiederum Entwicklern neue Möglichkeiten bieten wird. Dazu zählen die Allrounder-Fähigkeiten von Qt sowie der Develop-Once-Distribute-Multiple-Ansatz der Entwicklungsumgebung von Nokia. Aber auch Visionäres hatte Jens Dissmann anzubieten, wie das sich verändernde Ovi-Konzept, wie die „neue“ Intelligenz und wie der lernende Autoverkehr.

Nach der verlängerten Mittags- und Networking-Pause ging es dann in die Diskussionsrunde, die ich leiten durfte und die drei Schwerpunkte vorsah: Was macht eine gute App aus, mobile versus native Apps und die Frage, ob sich deutsche App-Entwickler hinter ihren amerikanischen Kollegen verstecken müssen. Es wurde so lebendig und vielfältig diskutiert, dass ich das hier alles gar nicht wiedergeben kann. Zusammenfassend sei nur gesagt:

1. Gute Apps haben entweder einen echten Nutzen oder einen Wiedererkennungswert oder werden auch schon mal gehypet.

2. Es werden in Zukunft ganz viele HTML5-basierte Webapps am Markt erscheinen, da es immer einfacher sein wird, eigene Mobile Apps zu bauen (siehe myappstudio.com).

3. Deutsche Entwickler sind kreativ und innovativ genug, um noch viele schöne und nützliche Apps zu publizieren. Allerdings tun sich die Kollegen überm Teich in Sachen Finanzierung und damit Realisierung sehr viel leichter, da nahezu an jeder Ecke ein risikobereiter Investor sitzt, der neue, vielversprechende Projekte unterstützt.

Richtig interessant war dann auch der abschließende Beitrag von Mikko Linnamäki, seines Zeichens CEO und Gründer der Liquid Air Lab GmbH aus Stuttgart. Mikko ist Finne (ohne schwäbischen Akzent) und schon seit Kindesalter Nokia-Fan. Umso erstaunlicher seine Kritik am Mobilfunkriesen, die er zu Anfang ganz klar formulierte. Aber er hatte auch diverse Nettigkeiten im Gepäck: so werden die Radio-Apps seiner Firma hautpsächlich von Apple- und Nokia-Anwendern geladen, und das rund 40.000 Mal am Tag. Man sollte laut Mikko als Entwickler also ganz ernsthaft über iOS und Symbian/MeeGo als bevorzugte Plattformen nachdenken. Und wer das alles nicht glaubt, sollte sich dieses Video einverleiben, das die Radioapp-Downloads in Echtzeit zeigt (ab Minute 2:00).

Fazit: Das Ovi Experience Lab zu München war eine echte „Experience“ und Erfahrung und lehrte mich, dass es auf die Größe zum Glück nicht immer ankommt, sondern vor allem auf das Engagement des Auditoriums und eine ehrliche Einschätzung seitens des Veranstalters. Und an beidem hat es auf dem Nokia Developer Day nicht gemangelt. Mehr davon, bitte!